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Ein Hang zum Rutschen - AG Ingenieurökologie

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Ein Hang zum Rutschen

Ein Hang zum Rutschen

Hänge, die großflächig ins Rutschen geraten, und Wasserressourcen, die schwinden: Armenien steht vor großen Herausforderungen der Klimaanpassung. Ein Team der Arbeitsgruppe Ingenieurökologie der Hochschule Magdeburg-Stendal war Ende September in Jerewan, um gemeinsam mit der Nationalen Polytechnischen Universität Armeniens (NPUA) nach Lösungen zu suchen.

„Nur zur Hälfte gefüllt, mehr nicht.“ So beschreibt Hayk Igityan zum Zeitpunkt des Gesprächs den Zustand einzelner großer Stauseen Armeniens. Igityan leitet das Labor für Klimawandel und nachhaltige Entwicklung an der NPUA. Sein Forschungsprofil verbindet Geologie, Naturgefahren, Klimawandel und Klimaanpassung sowie Wasserwirtschaft.

Für ihn und sein Team sind niedrige Füllstände ein Warnsignal. In dem trockenen, sonnenreichen Land im Südkaukasus steht der zunehmende Druck auf die Wasserressourcen einer vielerorts veralteten Infrastruktur gegenüber. Große Teile des armenischen Bewässerungssystems stammen noch aus der Sowjetzeit und sind sanierungsbedürftig. Eine aktuelle Weltbankanalyse geht davon aus, dass ungefähr die Hälfte des Wassers in den Verteilnetzen verloren geht.

Hinzu kommt ein Problem, das von außen kaum zu sehen ist: In den Stauseen lagern sich Sedimente ab und verringern nach und nach den nutzbaren Speicherraum. Wie stark dieser Effekt künftig ausfallen wird, ist bislang nur teilweise bekannt. Wie viel Sediment wird sich tatsächlich ablagern? Und wie viel Wasser lässt sich dann noch speichern?

An dieser Schnittstelle von Wasserwirtschaft und Klimaanpassung setzt auch die Ingenieurökologie in Magdeburg an. Dort geht es unter anderem um die Frage, wie sich Veränderungen von Klima, Wasserhaushalt und Landschaft im Zusammenhang betrachten lassen und welche Rolle naturbasierte Lösungen dabei spielen können, Wasser länger in der Landschaft zu halten und die Folgen von Trockenheit abzumildern.

Vom 21. bis 25. September 2026 waren Prof. Dr. Petra Schneider und zwei wissenschaftliche Mitarbeitende der Hochschule Magdeburg-Stendal zu Gast an der NPUA. Die Hochschulen kennen sich seit 2023. Damals besuchte eine armenische Delegation im Rahmen einer DAAD-Initiative deutsche Hochschulen, darunter Magdeburg. Seitdem gab es gegenseitige Besuche, die Vorbereitung gemeinsamer Veröffentlichungen und Förderanträge. Diesmal ging es darum, die Zusammenarbeit inhaltlich zu schärfen: Wo liegen die drängendsten Probleme? Was kann jede Seite beitragen?

Besonders anschaulich wurde die thematische Zusammenarbeit bei einer Feldexkursion zu Hangrutschungen nahe der Hauptstadt Jerewan. In Armenien sind mehr als 2.500 aktive Hangrutschungen kartiert. Sie gehören vor allem in den Bergregionen zu den bedeutenden Naturgefahren und bedrohen Straßen, Leitungen und ganze Siedlungen. Die Forschenden erfassen aktive und rutschungsgefährdete Gebiete und arbeiten an einigen Standorten mit sensorgestützten Monitoring- und Frühwarnsystemen, die Bewegungen im Hang registrieren. Im fachlichen Austausch geht es unter anderem darum, wie sich unterschiedliche Mess- und Geodaten mit frei verfügbarer Software wie QGIS zusammenführen und für die Risikobewertung nutzen lassen und welche Maßnahmen sich in der Praxis bewährt haben. Bei der Stabilisierung von Hängen können dazu auch naturbasierte Lösungen gehören, bei denen Vegetation und technische Maßnahmen zusammenwirken.

Die Zusammenarbeit geht dabei über die Analyse von Naturgefahren hinaus. Die NPUA arbeitet mit Satellitendaten und Modellen zu Wasserhaushalt und Landnutzung und ist eng mit Behörden, lokalen Akteuren und Nichtregierungsorganisationen vernetzt. Wie die armenischen Partner berichten, fehlen jedoch für manche Fragestellungen belastbare Daten und die Mittel für aufwendige Messkampagnen und Analysen. Die Hochschule Magdeburg-Stendal bringt Erfahrungen aus eigenen Forschungsprojekten ein. Dabei geht es nicht nur um Hänge, sondern auch darum, wie naturbasierte Lösungen Städte besser an Hitze, Trockenheit und Starkregen anpassen können.

Ein Beispiel dafür ist das Gründach-Testfeld auf dem Dach der Magdeburger Hochschulmensa. Dort wird untersucht, ob sich aufbereitete mineralische Baustoffe als Pflanzsubstrat eignen und wie sich dies auf Wasserhaushalt und Wasserqualität auswirkt. So verbindet das Projekt Klimaanpassung mit Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung.

Ein solcher Ansatz soll nun auch in Armenien erprobt werden. Gründächer sind im Stadtbild Jerewans bislang kaum präsent. Bei der Exkursion waren jedoch andere Formen städtischen Grüns zu beobachten: dicht bewachsene Fassaden und von Bäumen beschattete Straßen. Die armenischen Partner planen, bis Ende Dezember 2026 ein erstes Gründach mit Substrat aus Ersatzbaustoffen zu bauen und damit zugleich Primärrohstoffe zu schonen. „Wir planen, in Armenien Projekte zur Wiederverwendung von Bauabfällen und zur Kreislaufwirtschaft umzusetzen und die Planung und Anwendung von Gründächern voranzubringen“, sagt Hayk Igityan.

Mit einem Memorandum of Understanding, das am 23. September unterzeichnet wurde, haben die Hochschule Magdeburg-Stendal und die Nationale Polytechnische Universität Armeniens den Rahmen für ihre weitere Zusammenarbeit festgelegt. Vorgesehen sind gemeinsame Forschung, Förderanträge und der Austausch von Studierenden, Lehrenden und Forschenden. Für Studierende gibt es bereits Anknüpfungspunkte, etwa im Master „Sustainable Cities Engineering“ an der NPUA und im Master Ingenieurökologie in Magdeburg. Denkbar sind gemeinsame Abschlussarbeiten zu Stauseen, Hangrutschungen oder Stadtgrün. Langfristig soll auch geprüft werden, wie an der NPUA ein eigener Masterstudiengang Ingenieurökologie nach Magdeburger Vorbild aufgebaut werden könnte.

„Aus dem ersten Kontakt 2023 ist eine Zusammenarbeit geworden, auf die ich mich freue“, sagt Prof. Dr. Petra Schneider. Als Nächstes sollen aus den Ideen konkrete Forschungsprojekte werden, so zu Wasserressourcen und Naturgefahren ebenso wie zu Klimaanpassung, Stadtgrün und Kreislaufwirtschaft.

Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung durch Prof. Dr. Petra Schneider und Prorektor Dr. Sargis Asatryants, Prorektor der NPUA. Bild: Hayk Igityan.Kooperationsvereinbarung zwischen der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Nationalen Poytechnischen Universität Armeniens am 23.09.2026. Bild: Hayk Igityan.Kooperationsworkshop am 23.09.2026 an der NPUA in Jerevan. Bild: Hayk Igityan.Kooperationsworkshop am 23.09.2026 an der NPUA in Jerevan. Bild: Hayk Igityan.Besichtigung akuter und potenzieller Hangrutschungen bei Tsaghkadzor. Foto: Conrad Dorer.Besichtigung akuter Hangrutschungen bei Tsaghkadzor. Foto: Petra Schneider
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